Expertenbefragung


Prof. Dr. Mehlhorn, Parasitologe


Prof. Dr. Mehlhorn, die Schmeißfliege wird als Schädling geführt, die gerade in Kothaufen perfekte Bedingungen zum Eierablegen findet und sich dort besonders schnell und massiv vermehrt. Worin genau liegt denn die Gefahr dieser Fliege?

Die adulten Stadien zahlreicher Fliegenarten lecken an Kot von Tieren und Menschen, um sich davon zu ernähren. Daher kommen sie mit ihren Körpern - insbesondere mit den Füßen - in Kontakt mit den Exkrementen. Da der Kot zahlreiche Erreger von Krankheiten wie Viren, Bakterien, Pilze oder Parasiten enthalten kann, ist die Gefahr der Übertragung auf Nahrung von Menschen oder deren Haut auf jeden Fall gegeben.

Wird denn die Fliege als Hygieneschädling Ihrer Ansicht nach seitens der Bevölkerung unterschätzt – gerade in Bezug auf die Übertragung von Krankheitserregern?

Im Allgemeinen wird Fliegenbefall von Nahrungsmitteln schon als „eklig“ von der Bevölkerung empfunden, aber das Wissen über potenzielle Erregerübertragungen ist dennoch gering, so dass die Gefahren mit Sicherheit unterschätzt werden. Untersuchungen der Arbeitsgruppen von Prof. Dr. Klaus Pfeffer vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Düsseldorf und mir zeigten aber eindeutig, dass in der Natur wie auch im Experiment Fliegen definitiv sehr gefährliche Erreger übertragen können.

Das gibt Anlass zur Sorge, gerade weil die Problematik nicht entsorgten Hundekots heute nahezu jede Kommune betrifft. In den angesprochenen Analysen resümierten Sie, dass Hundekot eine ideale Brutstätte für Fliegen bietet, was in Wohngebieten und der Umgebung von Kitas, Schulen, Spielplätzen, Restaurants etc. gefährlich werden kann. Wie gingen Sie bei Ihren Untersuchungen vor?

Bei den Untersuchungen wurden Fliegen gefangen, die sich in der Nähe von Hundewiesen und Ställen, aber auch auf Plätzen in der Innenstadt oder in Badeanstalten aufhielten. Diese Fliegen wurden auf Erreger untersucht und auf Nährböden von Bakterien gesetzt, um zu beobachten, welche Parasiten wuchsen. Darüber hinaus wurden die Fliegen „gewaschen“, um so die Wurmeier zu ermitteln, die an ihren Körpern klebten. Fakt ist, dass auf Fliegen, die auf Hundekot saßen, scharenweise Wurmeier gefunden wurden, die für den Menschen hoch infektiös sind. Daher ist es unbedingt notwendig, Hundebesitzer zu verantwortungsvollem Verhalten anzuhalten.

Sollte Ihrer Ansicht nach mehr Aufklärungsarbeit betrieben werden, was die ordnungsgemäße Entsorgung von Hundekot sowie die mögliche Verbreitung von Krankheiten durch diese Fliegenarten betrifft?

Aufklärung ist immer gut! Gerade in dicht besiedelten Gebieten gilt es, Tierkot durch Aufklärung und geeignete Vorsorge zu minimieren, um das schnelle Wachstum von Fliegen nachhaltig einzudämmen. Hundebesitzer sollten stets Plastiktüten beim „Gassigehen“ mitführen, damit Hundekot entsorgt werden kann. Auf sogenannten Hundewiesen bzw. beliebten Laufstrecken sollten Einrichtungen aufgestellt werden, die Plastiktüten für Hundekot beinhalten. Viele Städte in Deutschland und in der Schweiz machen das bereits! Es ist an den Hundebesitzern, diese Tüten im Sinne des Gemeinwohls zu verwenden.

ÜBER PROF. DR. MEHLHORN 
Prof. Dr. Heinz Mehlhorn forscht seit über 40 Jahren auf dem Gebiet der Parasitologie und Schädlingskunde an diversen Universitäten und leitete u.a. die Abteilung Zoologie II an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er hält mehr als 30 Patente zu Medikamenten gegen Parasiten und verfasste über 200 Fachpublikationen. Neben seinen Tätigkeiten als Forscher und Gutachter ist er Weltpräsident der Parasitologischen Gesellschaften sowie Herausgeber der Zeitschrift Parasitology Research. Auch ist er Mitglied nationaler und internationaler Gremien im Bereich Parasitologie.
Weitere Infos über Parasiten und deren Gefahren zeigt dieser Clip.
 


Dr. Felke, CEO des Instituts für Schädlingskunde


Die Schmeißfliege „Calliphora vicina“ ist ein Schädling. Wie schätzen Sie die Rolle der „Calliphora vicina“ ein? Worin genau liegt die Gefahr dieser Fliegenart?

Die Schmeißfliege und die nah verwandte Goldfliege (Lucilia sericata) sind extrem häufig vorkommende Fliegenarten, die sich vor allem im Sommer explosionsartig vermehren können. Die adulten Fliegen decken ihren Flüssigkeitsbedarf beispielsweise an Hundekot und können auf diese Weise auch Krankheitserreger übertragen. Krankheitserreger wie Bakterien werden zum einen über die Mundwerkzeuge aufgenommen, zum anderen bleiben Bakterien aber auch am Körper der Fliegen haften - vor allem an den Beinen. Wenn sich solch eine Fliege dann kurze Zeit später in der Küche auf Lebensmittel setzt, können die Krankheitserreger auch auf unserer Nahrung landen.

Ist denn die Gefährlichkeit des Hygieneschädlings Ihrer Ansicht nach in der Bevölkerung bekannt?

Fliegen gelten allgemein lediglich als Lästlinge. Dass sie bei der Verbreitung von Infektionskrankheiten eine wichtige Rolle spielen, ist den meisten Menschen nicht bewusst. Gerade beim Auftreten von Durchfallkrankheiten im Sommer kann auch eine Lebensmittelvergiftung die Ursache sein, die letztlich durch die Vektoreigenschaft von Fliegen ausgelöst wurde.

Wir stellen also fest: Wo Kothaufen sind, ist die Calliphora vicina nicht weit….Richtig?

Wie bereits einleitend erwähnt, decken viele Fliegenarten ihren Flüssigkeitsbedarf regelmäßig an Hundekot. Daher ist frischer Hundekot oft von einem ganzen Schwarm Fliegen belagert.

Welche Konsequenzen hat das? Befördert der nicht entsorgte Hundekot die Entwicklung und Ausbreitung des Hygieneschädlings? Und im schlimmsten Fall die massive Verbreitung von Bakterien?

Da gibt es auf jeden Fall einen Zusammenhang. Jeder Hundehaufen, der nicht vom Halter entsorgt wird, stellt eine Nahrungsquelle für Fliegen und eine potenzielle Quelle von Krankheitserregern dar. Je mehr Hundekot offen herumliegt, desto höher ist das Risiko, dass sich Menschen mit bakteriellen Krankheitserregern infizieren, die im Hundekot ihren Ursprung haben. Da Schmeißfliegen und Goldfliegen einen großen Aktionsradius haben, können die am Hundekot aufgenommenen Krankheitserreger unter Umständen mehrere hundert Meter weit verbreitet werden.

Sie empfehlen also jedem Hundehalter unbedingt, den Kot seines Hundes zu entsorgen?

Dies sollte eigentlich für jeden Hundehalter ein Selbstverständnis sein. Leider denken aber offensichtlich nicht alle Mitbürger so. Besonders auf öffentlichen Grünflächen stößt man ja regelmäßig auf Hundehaufen. Vor allem für Kleinkinder droht hier auch noch die Gefahr, sich mit dem Hundebandwurm zu infizieren.

ÜBER DR. MARTIN FELKE
Dr. Martin Felke ist seit 2004 CEO des Instituts für Schädlingskunde in Reinheim, welches die Biologie von tierischen Schadorganismen erforscht und in engem Kontakt mit Praktikern innovative sowie umweltverträgliche Methoden zur Schädlingsbekämpfung entwickelt. 1999 promovierte er im Bereich 'Spezielle Zoologie' und war anschließend unter anderem für die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft tätig. Neben seiner Arbeit als Gutachter und Berater führt Dr. Martin Felke auch Testverfahren für Präparate zur Schädlingsbekämpfung durch.
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